Forschung: Biodynamische Psychotherapie und Psychologie
(Gerda Boyesen Methoden)

Gerda Boyesens Rückzug aus den Bemühungen die Biodynamische Psychotherapie als anerkanntes psychotherapeutisches Verfahren in England und Deutschland umzubauen, bedeutete nicht, dass sie ein mangelndes wissenschaftliches Interesse gehabt hätte. Ihr war es jedoch wichtig nicht aufgrund des Zulassungsverfahrens auf wesentliche Elemente der Biodynamischen Psychologie verzichten zu müssen. Das in ihre körperpsychotherapeutische Praxis fest integrierte Deep Draining und ihr Beharren auf die Selbstheilungskräfte der Biodynamik im therapeutischen Prozess der biodynamischen Vegetotherapie ist nur wenig kompatibel mit den derzeitigen psychotherapeutischen Theorien: primärer Wirkfaktor psychotherapeutischen Wirkens ist hiernach die Beziehung zwischen Therapeut und Patient und erst in zweiter Linie die Auswirkung geplanter und reflektierter Interventionen.

Gerda Boyesens biodynamisches Paradigma lautet dagegen: " Biodynamisch [arbeiten] ist, wenn Kraft [Biodynamik] es macht, wie es sein soll." (Videoquelle, 10 sec).

Primäre Triebkraft der biodynamischen Psychotherapie ist es folglich, die Kraft der Salutogenese zu nutzen. Die primäre Aufgabe des biodynamischen Psychotherapeuten ist es die optimalen Bedingungen für ihre Entfaltung bereit zu stellen. Beide Aspekte verlangen zweifelsohne auch die sorgfältige Gestaltung einer professionellen Beziehung zum Klienten. Diese ist getragen von dem Anliegen, eine innere Atmosphäre von ' Raum, Zeit und Geborgenheit' und die Fähigkeit zu wohligen und lustvollen Erleben der eigenen Lebendigkeit in ihren Klienten zu festigen. Der therapeutische Prozess kann erst auf dieser Grundlage den autogenen 'Impulsen aus dem Innern' des Klienten folgen und entfalten.

In der Theorie bedeutet dies, sich dem spontanen Wechselspiel der Emergenz und Selbstregulation, den Grundkräften der Biodynamik anzuvertrauen. Seitens des Therapeuten verlangt es, die Auswahl seiner Interventionen dem biodynamischen Prozess fortlaufend anzupassen, und diese Auswahl nicht dem wie immer professionellen Erwägungen zu überlassen.

Die Bedeutung eines erlebten Wohlgefühls in psychotherapeutischen Sitzungen wird von gegenwärtigen Theoretikern einer integrativen Psychotherapie durchaus gesehen. Exemplarisch sei hier der kürzlich verstorbene Klaus Grawe genannt, der in seinem letzten Buch 'Neuropsychotherapie' die Dringlichkeit des Wohlfühlens hervorhebt (Grawe, 2004). Die Mittel der wissenschaftlichen Psychotherapie beschränkt sich allerdings allein auf Hypnose- und konventionellen Entspannungsverfahren und ist mit den differenzierten Methodeninventar biodynamischer Körperinterventionen nicht zu vergleichen. Dies allein verlangt schon eine Berücksichtigung biodynamischen Erfahrungswissen im Entwurf einer integrativen Psychotherapie. Dass sich angesichts des apriori intuitiven und Feingefühl verlangenden Handlungsentscheidungen im Vertrauen auf selbsttätige Biodynamik-Prozesse der Gerda-Boyesen Therapie dem empirischen Wissenschaftler allerdings die Haare sträuben, ist nur allzu verständlich. Aber, kann dies ein Grund sein, auf den Erfahrungsschatz ihrer zumeist als äußerst fruchtbar erlebten Arbeit zu verzichten?

Die Forschungen des Instituts gehen zunächst in zwei Richtungen. Zum einen wird versucht, mit Methoden der psychotherapeutischen Wirksamkeitsforschung eine Effektivität biodynamischer Therapie nachzuweisen. In diesem Sinne werden derzeit alle ambulanten Einzeltherapien im "Biodynamischen Zentrum für Gerda Boyesen Methoden, bioZen" und sämtliche Ausbildungen des Instituts unter dem Einsatz standardisierter Fragebögen begleitet.

Zum Anderen will das Institut Grundlagenforschung vor allem im Bereich der vagalen Reaktivität und Funktionen anregen. Der parasympathische Zweig des vegetativen Nervensystems ist mit Abstand der am wenigsten berücksichtigte Bereich der Neurowissenschaften, obwohl eine ganze Reihe Erkenntnisse seine zentrale Bedeutung zum emotionalen Erleben vorliegen (Porges, 2001). Überdies ist bekannt, dass Vagusafferenzen über nur wenige Synapsen Zugang zu der Modulation des gesamten Großhirns haben (Berntson et al, 2003). In der biodynamischen Psychologie dagegen spielt gerade das vegetative Nervensystem wie auch autonome Funktionen der Gesamtheit der inneren Organe eine entscheidende Rolle (Boyesen, 1987). Dies bringt ihr immer wieder den intuitiven Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit ein, wie etwa in dem bekanntenWIKI-Zitat einer Beurteilung durch die AOK: "Wissenschaftlich entbehren die Vorstellungen von "emotionalen Rückständen", die über den Darm abgegeben werden, jedweder Grundlage. ... die Vorstellung, dass die Darmgeräusche ein Ausdruck der psychischen Situation des Patienten seien, ist nicht nachvollziehbar." Die Studie von Siegfried Bach zeigt dagegen, dass die Ausrichtung des Forschungsinteresses auf vegetative Funktionen durchaus wertvolle Ergebnisse hervorbringen kann. Dass nun der vagale Tonus nicht allein als trait-Eigenschaft, sondern die vagale Aktivität auch als reaktive state-Eigenschaft gemessen werden kann, eröffnet ein weites Feld für die Emotionsforschung wie der Salutogenese.

An dieser Stelle mag die Bemerkung erlaubt sein, dass der häufig belächelte Gebrauch des 'Stethoskops auf dem Bauch' um Darmgeräusche abzuhören nichts weiter als ein höchst simples Biofeedback-Verfahren für parasympathische Reaktivität darstellt. Es erlaubt, eine sich verändernde vagale Lage unmittelbar anzuzeigen. Immerhin liefert der Gebrauch dieser "Geheimwaffe" im therapeutischen Prozess der biodynamischen Psychologie einen Erfahrungs- und Wissensvorsprung von nun mehr einem halben Jahrhundert.

Gerda Boyesen jedenfalls war äußerst interessiert an den Ergebnissen der erwähnten Studie, deren Abschluss sie leider nicht mehr erleben durfte. Dessen ungeachtet war sie fest davon überzeugt, dass alle ihre Ergebnisse auch wissenschaftlich nachweisbar sind und maß der Forschung in ihrem Institut einen hohen Stellenwert zu.

Mit dem frühen Ausscheiden seiner Mitbegründerin fällt dem Institut eine weitere dritte Richtung zu: die hermeneutische Aufarbeitung der Lehre von Gerda Boyesen, die in dem Kontext ihrer Zeit verstanden werden will und nach einer Explikation ihres Wissens in die Wissenschaftssprache unserer Zeit verlangt.

Verweise

Bach S: Parasympathische Reaktivität bei emotionaler Induktion. Fachbibliothek Psychologie: Diplomarbeit Fakultät Psychologie, Ruhr-Uni-Bochum 2005
Berntson GG, Sarter M, Cacioppo JT: Ascending visceral regulation of cortical affective information processing. European Journal of Neuroscience. 18(8), 2103-9. 2003
Boyesen G: Über den Körper die Seele heilen. München: Kösel. 1987
Bulow-Hansen A, Houge NH: Cooperation between a physiotherapist and a physician in connection with psychomotor physiotherapy. Tidsskr Nor Laegeforen. 1990 Nov 10;110(27):3498-500. Norwegian.
Houge NH: Braatoy and psychomotor physiotherapy, Tidsskr Nor Laegeforen. 2001 Feb 10;121(4):505. Norwegian.
Grawe K: Neuropsychotherapie. in: . Neuropsychotherapie. Göttingen: Hogrefe. 2004
Meland E, Vollset P, Nessa J: Trygve Braatoy in the light of the history of ideas, Tidsskr Nor Laegeforen. 2004 Jul 1;124(13-14):1799-801. Norwegian
Porges SW: The polyvagal theory: phylogenetic substrates of a social nervous system. Internat. J. of Psychophysiology. 42, 123-146. 2001


Mit der biodynamischen Psychologie von Gerda Boyesen verhält es sich ähnlich wie mit der Emotion: viele wissen sofort, was mit ihr gemeint ist. Danach gefragt, wie sie zu definieren ist, geraten die meisten in arge Erklärungsschwierigkeiten.