Grundlagenforschung zur Biodynamischen Psychotherapie und Psychologie von Gerda Boyesen

Affekte sind die entscheidenden Motoren und Organisatoren aller psychischen und sozialen Entwicklung
(Luc Ciompi, Vortrag im Wiener Rathaus, 9. Mai 2001)

In der Emotionsforschung wird heute davon ausgegangen, dass physiologische Daten nicht geeignet sind, emotionale Zustände zu differenzieren. Eine Folge davon ist z.B., dass Interventionen im Rahmen von „Körperpsychotherapie“ wenig emotionsspezifische Relevanz beigemessen wird. Noch heikler für die biodynamische Psychologie ist zudem, dass Kernaussagen ihrer Theorie wissenschaftlich indiskutabel sind, da über den N.vagus vermittelte vegetative Prozesse als kaum messbar gelten und damit Hypothesen bezüglich parasympathischer Prozesse nicht falsifiziert werden können. Aus empirisch-wissenschaftlicher Sicht müssen zwangsläufig zentrale Entdeckungen von Gerda Boyesen wie die der vegetativen Dynamik des Es und einer vegetativen Selbstregulation als unwissenschaftlich zurückgewiesen werden - obwohl sich ihre Methoden tagtäglich in biodynamischen Praxen und in Kliniken bewähren.

Die Studie von Siegfried Bach entwickelt ein Verfahren, dass über eine "einfache" EKG-Analyse Kennwerte für vagale und sympathikone Aktivität am Herzen ermittelt. In der statistischen Analyse (ALM) zeigte sich, dass sein Analyseverfahren geeignet ist, emotionale Zustände in den Dimensionen Valenz (angenehm - unangenehm) und Erregung (hoch - niederig) zu differenzieren. Die ermittelten Schätzwerte für die vagale Reaktivität erwiesen sich dabei so robust, dass diese mit hoher Signifikanz sowohl geschlechtsspezifische Unterschiede im Erleben von Emotionen anzeigen, als auch zwischen der selektiven Präsentation emotionaler Bilder in das linke und rechte Hemifeld (das sind jene Bereiche des Gesichtsfelds, die jeweils einer kortikalen Hemisphäre zugeordnet sind).


Abbildung 1 Rohwerte des Analyseverfahrens, Bsp. Bild 6211 m

Das Beispiel zeigt die z-transformierten Kennwerte einer männlichen VP im Auswertungsintervall von 6 sec für Bild Nr. 6211 (Valenz: negativ, Erregung: mittel, linkes Hemifeld)


 

Diplomarbeit Siegfried Bach (Ruhr-Uni-Bochum, 29. 11. 2005)

Parasympathische Reaktivität bei emotionaler Induktion

Zusammenfassung

Mit Hilfe einer EKG-Analyse wurden dynamische Veränderungen der Herzaktivität untersucht, die unter dem Einfluss systematisch veränderter emotionaler Zustände erhoben wurden, und die parasympathische Reaktivität anhand heuristischer Kennwerte diskutiert.

Die EKG-Werte wurden in einem IAPS*Hemifeld-Paradigma 1 gemessen, welches das Valenz(VAL)*Erregungs(ARO)-Spektrum von 135 IAPS-Bildern auf 5*3 Stufen variiert und unter 3 Hemifeld(HF)-Bedingungen (links – beide – rechts) für jeweils 6 sec präsentiert und anschließend eine Pause von 4 sec zum „Nachspüren“ gewährt.

Unter Ausnutzung der Tatsache, dass der paarige Nervus Vagus am Herzen hochgradig asymmetrisch wirkt 2, und der Befunde, dass eine erhöhte Sympathikuswirkung eine Abflachung der T-Welle bewirkt, wurden acht heuristische Kennwerte für autonome Einflüsse auf das Herz formuliert, wie T-Wellen-Amplitude (TWA, sympathisch), Sinusknoten-Überleitungszeit (rechts vagal), AV-Knoten-Überleitungszeit (links vagal), einer P-Wellen-Charakterisk (PWC, vagal), und vier weiterer abstrakter Kennwerte aus Kombinationen der ersten vier. Für die Intervalle von 2-9 sec nach Bildpräsentation wurden diese Kennwerte als Zeitserien extrahiert und die Mittelwerte ermittelt.

In einer ANOVA der mittleren Kennwerte gültiger EKG-Daten von 10 weiblichen und 9 männlicher Probanden (Studenten der Ruhr-Uni-Bochum) über die 3x5x3 Faktoren des Paradigmas wurden signifikante Effekte der Faktoren VAL und ARO für die TWA festgestellt, sowie hochsignifikante Effekte vagaler Kennwerte außer für die Faktoren VAL und ARO ebenfalls für den Faktor HF und für den Zwischensubjektfaktor Geschlecht (GENDER: w, m) VAL*GENDER und ARO*GENDER gefunden 3. Weiterhin wurde eine Korrelation gegen r=0 für die Wirkungen des rechten und linken Vagus gefunden.

Die hier gefundene hohe Spezifizität der vagalen Reaktivität im IAPS*HF-Paradigma und die geringe Korrelation der beiden Vagi am Herzen legen die Vermutung nahe, dass neben einer kortikalen Hemisphärenasymmetrie das gesamte ZNS entlang der Neuroaxis asymmetrisch organisiert ist.

Erläuterungen

  1. IAPS*Hemifeld-Paradigma:
    Das International Affective Picture System (IAPS, Lang et al, 1999) umfasst mehr als 700 affektive Bilder, für die statistische Normen in den Dimensionen Valenz (angenehm – unangenehm) und Erregung (niedrig – hoch) international ermittelt wurden. Abbildung 2 zeigt die Verteilung der Bilder in dem affektiven Kontinuum Valenz*Erregung und die Gruppen ausgewählter Bilder für die männlichen Probanden.
    Hemifeld-Paradigma bedeuted, dass die Bilder außer in der normalen Präsentation für das gesamte Sehfeld auch der rechten und linken Gehirnhemisphäre allein gezeigt wurden.
  2. „Den“ Vagus als Träger der parasympathischen Aktivität gibt es gar nicht. Es existieren zwei Vagi, die als Hirnnerven wie auch alle Spinalnerven paarig auftreten. Der rechte Vagus enerviert den Sinusknoten und reguliert die Herzfrequenz; der linke Vagus hat kaum einen Effekt auf den Herzschlag (Abbildung 2). Ich habe für die Wirkungen des Sympathikus wie des rechten und linken Vagus heuristischen Kennwerte aus der EKG-Analyse festgelegt und deren Veränderungen unter der emotionalen Induktion im IAPS*Hemifeld-Paradigma (s.o.) statistisch untersucht.
  3. Wie sich die vegetativen Kennwerte unter der Betrachtung eines einzelnen Bildes verhalten ist in Abbildung 1 (s.o.) zu sehen. Um so erstaunlicher sind die statistischen Auswertungen, die z.B. für die P-Wellen-Charakteristik, die wahrscheinlich überwiegend vom linken Vagus vermittelt ist, ein wohlgeordnetes Bild gibt (Abbildung 4a+b) ergibt und zu dem mit einer Wahrscheinlichkeit von p<.000*** signifikant ist.

 

Abbildung 2 Auswahl IAPS-Bilder (männlich)

Die blauen Punkt der Abbildung zeigen alle standardisierten Werte der IAPS-Bilder für Männer in ihren Valenz- und Erregungskoordinaten (x-Achse Valenz, y-Achse Erregung). Die 5 vertikalen Linien mit jeweils 3 Kringeln (magenta) bezeichnen die Stellen des IAPS-Kontinuums, um die herum jeweils 9 Bilder mit geringstem Abstand zu den 5x3 Kringeln ausgesucht wurden, die durch Punkte in den Farben hellblau, grün und magenta sichtbar gemacht wurden.


Abbildung 2 Erregungsbildungs- und Leitungssystem

Anmerkung: Der rechte Vagus enerviert vor allem den Sinusknoten, der Schrittmacher des Herzen ist. Der linke Vagus dagegen konvergiert dagegen auf den AV-Knoten, der nur wenig Einfluss auf die Herzfrequenz hat.



Abbildung 4 a+b Beispiel: P-Wellen-Charakteristik für Valenz